“Der Jugendkult führt in die Irre” – gegen ein pubertäres Bild von Innovation

An der Spree chillen. Ja, genau! Was gibt es Schöneres nach einem langweiligen sterilen Gespräch, wo das Einzige, was stimmt, das frische Sprudelwasser auf dem Tisch ist? An der Spree chillen. Der beste Weg, um sich von einem Gespräch mit einem naiven, übertrieben gut gelaunten Team zu erholen, das sich um jeden Preis – und ohne die nötige Erfahrung dafür zu haben – innovativ, unkonventionell anders,  locker, cool und technologiefest zeigen will. Das Treffen macht nachdenklich.

Eine Stunde in einem Raum mit ahnungslosen Agenturmitarbeiterinnen, für die Disruption “nur” ein Fremdwort ist. Die Zusammenhänge zwischen Wissen, Innovation und Kommunikationsstrategie werden nicht erkannt, Scrum wird mit gemeinsamem Brainstorming verwechselt. Mit fundiertem Know-how als Voraussetzung und treibender Kraft für Erneuerung kann das Team nichts anfangen. Es legt Fehlkenntnisse an den Tag und dafür wird es sogar bezahlt. Gähnen!

Kreuzverhör mit viel Schwung und Sympathiebonus!

Am liebsten hätte ich das Treffen abgebrochen. Davon hielt mich die Aufdringlichkeit meiner Gesprächspartnerinnen ab. Sie war in der Situation so erstaunlich grotesk, dass ich mich nicht um die Chance bringen wollte, das eigenartige Treffen zu erleben. Nach ein paar nichtssagenden Scheinfragen darüber, ob es sinnvoll ist, die Interessen von Wissenschaft und freier Wirtschaft in Kommunikationsprozessen unter einen Hut zu bringen, ging es richtig los mit der Fragerei: Wie alt bist Du? Wie viel verdienst Du? Du hast so viel gemacht in Deinem Leben und verdienst aber nicht wahnsinnig viel, oder? Warum? Warum die Hauptstadt? Wo wohnst Du? In welcher Straße? Was sind Deine Hobbies? … Ein Kreuzverhör mit viel Schwung und Sympathiebonus. Toll! Im Vorgespräch mit der HR Partnerin hatte ich mir zwar neugierige Mitglieder für ein innovatives PR-Team gewünscht, aber  dass man neugierig mit aufdringlich verwechseln kann, konnte ich nicht ahnen…oder?

Mangel an Erfahrung in innovativem Denken und Umdenken, in agiler Teamarbeit und wirksamer Kommunikation. Mangel an Erfahrung in jeder Hinsicht. Und dies mitten  in der deutschen Startup-Metropole  – Was nun? An der Spree chillen und einen Blick in die Hauptgründe werfen, warum der Jugendkult in Sachen Innovation in die Irre führt, und eine Kultur der Neugier Bedingung für die Erneuerung ist. D.h., einen Blick in das neue Buch von Wolf Lotter Innovation. Streitschrift für barrierefreies Denken werfen. Dann los!

Gelb ist die Farbe der Hoffnung

Der gelbe Umschlag in meiner Tasche sticht ins Auge. Man vergisst ihn nicht so schnell. Er hilft beim Lesen sogar die Hauptthese behalten:

Innovation in unserer Wissensgesellschaft entsteht aus einer Kultur der Inklusion. Alle geistigen Ressourcen  – Alt und Jungsind komplementär und greifen ineinander. Erfahrung ist Grundlage für das Neue und wird  mit Experiment verbunden.

Von dem  pubertären Bild von Innovation als jugendlicher Tugend, als Rebellion und Überwinden des Alten soll sich die Wissensgesellschaft verabschieden, denn Innovation ist kein Bruch, sondern eine langfristige Erweiterung von Erneuerungsmöglichkeiten. Sie verbindet das bereits existierende Zweckvolle mit dem Neuen. Das Neue muss überzeugen.

Eine Wissensgesellschaft, in der sich Innovation entfalten kann, setzt Lotter zufolge auf Neugier, Talente und Wettbewerb. Ja, genau. Neugier ist der Anfang aller Dinge…

Neugier in der Wissensgesellschaft 

Bedingung für die Erneuerung ist eine Kultur der Neugier. Aber was ist mit Neugier gemeint? Muss man es wirklich erklären? Anscheinend ja! Also, mit Neugier ist nicht gemeint, dass man dem eigenen Gesprächspartner Löcher in den Bauch fragen darf, sobald man das Bedürfnis verspürt, rücksichtslos die Grenzen der Höflichkeit zu überschreiten. Das ist keine Neugier, sondern ein unangebrachtes pubertäres Benehmen, das im besten Fall verrät, dass man keine gute Kinderstube und keine Erziehung genossen hat und als Erwachsener keine sozialfähigen Umgangsformen hat. Kaum zu fassen, dass man es  wirklich erklären muss… irgendwie peinlich, oder?

Neugier steuert das Explorationsverhalten

Neugier ist vielmehr die Grundlage für die besonderen wissenschaftlichen und kulturellen Leistungen der Menschen bei der aktiven Ergründung von ungewohnten und komplexen Situationen und Objekten.  Sie motiviert dazu, Situationen aufzusuchen, die anregend wirken. Neugier steuert das Explorationsverhalten bei der aktiven Erkundung der Ursache von Ereignissen und wird durch die Neuheit eines Stimulus bzw. durch eine wahrgenommene Differenz ausgelöst. Sie ist  die Voraussetzung für eine Problemlösungsstrategie. Was das mit Fragen zum Alter und Gehalt, zur Wohnung und privaten Adresse zu tun hat, steht in den Sternen…

Innovation erzeugt Differenz

Mit Lotters Worten:  „Neugier sortiert gleichzeitig die Welt, aber nicht durch Weglassen, sondern durch das Hinzufügen von Differenz.“ Auf diese Weise reduziert Neugier die Komplexität und lernt sie verstehen. Dadurch entstehen Möglichkeiten und schließlich Innovation als gelebte Differenz, denn Innovation erzeugt Alternativen.   Die Entstehung von Alternativen baut auf dem Erfahrungswissen der Alten, auf einem Bewusstsein für geschichtliche Abläufe, das wiederum das Bewusstsein für die Relevanz von aktuellen Entwicklungen schärft, und auf der Neugier der Jungen auf, deswegen ist Innovation immer ein Sowohl-als-auch und ist immer Entdeckung.

Talente und Wettbewerb: Innovation ist Unterscheidung

Der beste und schnellste Weg, eine Organisation bzw. ein System um die Chance zu bringen, innovativ und konkurrenzfähig zu sein, besteht darin, unerfahrene Leute mit mittelmäßigen bis schwachen Fachkenntnissen – sogar mit Fehlkenntnissen –in Führungspositionen zu beschäftigen, sie zu (be)fördern, ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass ihnen Vertrauen entgegengebracht wird. Mit den besten Absichten werden sie immer die unpassende Entscheidung treffen, die Kompetenzen innerhalb der Organisation nicht erkennen, Andersdenkende  als Störfaktor ausschließen, Unterscheidungsmerkmale vernichten, manchmal boshaften (keinen bewundernden) Neid auf gut qualifizierte Mitarbeiter entwickeln,  und de facto jede Ambition der Organisation auf Fortschritt untermauern.

Innovation in unserer Wissensgesellschaft entsteht aus einer Kultur der Inklusion von Alt und Jung.

„Der Durchschnitt zieht alles nach unten“ schreibt Lotter in seinem Buch. Und wer sich am Durchschnitt und Mittelmaß orientiert, orientiert sich an Angepasstheit. Dabei verpasst die  Organisation die Talente, die Innovation vorantreiben. Talente leisten Bestleistungen. Sie leisten etwas Originelles, was der Organisation nützt, sich ihr aber nicht unterwirft. Talente erfordern Chancengerechtigkeit,  keinen Egalitarismus und keine Gleichmacherei, denn Chancengerechtigkeit –  d.h. mehr Ideen und mehr Vielfalt – fördert den Wettbewerb. Der Wettbewerb macht wiederum innovativ, denn Innovation bedeutet Unterscheidung.

Gegen ein pubertäres Bild von Innovation

Innovation hat nichts mit jugendlicher Tugend und Rebellion zu tun. Daran hat Lotter keine Zweifel. Von dem pubertären Bild von Innovation befreit uns seine Streitschrift.

Unvoreingenommene Leser macht Lotters Buch dagegen neugierig auf die Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen Alt und Jung, auf die Inklusion als die treibende Kraft von Innovation. Dabei ist die überschwängliche Aufdringlichkeit unternehmenslustiger BerufseinsteigerInnen  vielleicht gut gemeint aber fehl am Platz.

Lesetipp: W. Lotter (2018), Innovation: Streitschrift für barrierefreies Denken, Edition Körber 

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