Fake-Arbeitgeberbewertungen sind vor allem eins: ein Armutszeugnis!

Der Morgen war regnerisch. Gegen die Fensterscheibe der Küche trommelte der Regen seit Stunden. Um ihn zu riechen, öffnete ich das Fenster. Als Kind war ich immer gern drauβen, wenn es regnete. Unter meinem durchsichtigen Glockenregenschirm mit hellblauem Rand und einigen Zeichentrickfiguren auf der Haube verbrachte ich vor unserem Haus auf dem Lande aufregende Nachmittagsstunden damit zuzuschauen, wie der Regen auf mich fiel, ohne mich naβ zu machen. Er roch nach frisch gemähtem Gras. Ich vergaβ die Zeit, bis mich meine Mutter zum Vesperbrot rief. Am frühen Morgen roch der Regen am Fenster meiner Küche nach Innenhof, nach Wald, nach frisch aufgebrühtem Kaffee und Duschgel. Ein Donner rüttelte mich wach. Zeit für mein proteinreiches Frühstück, mit dem ich meinen neuen Trainingsplan einläutete: Schlingentraining und Krafttraining. Um Punkt 12 checkte ich ins Fitnessstudio ein.

An die vielen Desinfektionsstationen mit Spendern und Tüchern, die uns in den Zeiten der Corona-Pandemie durch den Alltag begleiten, gewöhnt man sich schnell. Die Mundschutz-Maske stellt dagegen eine gröβere Herausforderung dar. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich sehe, wie viele Leute die Nase nicht bedecken oder die Maske kurz abnehmen, um sich mit den Händen die Augen so richtig zu reiben. Trainiert wurde ohne Maske. Desinfizierte wurde nach jedem Trainingssatz. Ergebnis: Von Kraftausdauer über Maximalkraft bis hin zum statischen Krafttraining wurde mit den zwei Gurten alles trainiert. Alles nach Plan.

Hätte ich einen Erfahrungsbericht mit Bewertung schreiben müssen, so hätte ich betont, dass der Trainer mich freundlich , zielführend und individuell gut beraten und vorbereitet habe, dass die vorgeschlagenen Ziele alle mit ein wenig Überwindung umsetzbar gewesen seien und genau zu mir passten, dass das Fitnessstudio über neue Gurte und eine groβe Fläche für das Schlingentraining verfüge, dass die groβen Fenster für eine angenehme Lüftung des Saales sorgen. Alle Coronamaβnahmen wurden eingehalten. Allerdings war nicht zu übersehen, dass einige Sportler im Saal in Straβenschuhen trainierten, was schlieβen lässt, dass die Kurzarbeit der Mitarbeiter sich zum Teil negativ auf den Service auswirkt. Insgesamt würde ich das Fitnessstudio weiterempfehlen. Mehr oder weniger so sieht ein kurzer Erfahrungsbericht mit Bewertung aus. Geachtet wird aus der Sicht des Kunden auf Kompetenz, Leistungen, Wohlfühlfaktor, Image des Dienstleisters. Es wird authentisch berichtet. Geschummelt, indem man lügt oder – schlimmer noch – Leute anschwärzt, wird nicht. Fake-Bewertungen nützen niemandem.

Fake-Arbeitgeberbewertungen: Wenn Unternehmen ihre Inkompetenz unterstreichen

Nicht anders geht man vor, wenn Arbeitnehmer*innen spontan und authentisch Arbeitgeberbewertungen verfassen. Arbeitgeber*innen müssen auch mit unzufriedenen Arbeitnehmern*innen rechnen. Die Kritik sollten sie als Chance betrachten, die Kritikpunkte ernst zu nehmen, zu analysieren und die Arbeitsbedingungen in ihrem Unternehmen zu verbessern. Stattdessen kommt immer wieder vor, dass das geübte Auge Fake-Bewertungen – Selbstbewertungen –  entdeckt. Schon das Wording lässt an den Kompetenzen der verfassenden Mitarbeiter*innen zweifeln und macht das Unternehmen sowohl als Arbeitgeber als auch als Dienstleister unglaubwürdig. Mit anderen Worten: Will man sich ins eigene Fleisch schneiden, braucht man nur mit selbstverfassten Fake-Bewertungen auf negatives Feedback zu reagieren. Daran erkennt man leider auch, dass das Unternehmen oder dessen Kommunikationsabteilung nicht in der Lage ist, strategisch vorzugehen oder einfach dass engstirnige brüllende Vertriebler, die natürlich immer alles besser wissen, darauf bestehen, dass etwas Nettes auf Online-Plattformen für Arbeitgeberbewertungen erscheint.

Woran genau erkennt man Fake-Bewertungen? Mir zum Beispiel fällt seit Jahren immer wieder auf, dass bei vielen Unternehmen nach einer negativen bis sehr negativen Bewertung gleich 4 oder 5 sehr positive Bewertungen erscheinen. Euphorisch wird der Arbeitgeber gelobt und angehimmelt. Das ist nicht nur unseriös, sondern auch sehr sehr lustig. Wie können Unternehmen glauben, dass man auf Fake-Bewertungen reinfällt, bleibt ein Rätsel. Würden wir es lüften, so würden wir einen inzwischen wichtigen Spaβfaktor verlieren. Wenn man bedenkt, dass Unternehmen auf den Online-Plattformen für Arbeitgeberbewertungen Stellung beziehen können und sogar antworten können, damit der Dialog zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer rege bleibt und angeregt wird, erscheinen Fake-Bewertungen eine unnötige Beleidigung der Intelligenz der Nutzer (Das richtige Wort wäre Verarsche, aber wir wollen ja nicht so derb werden, oder?).

Neulich hat Stefan Döring in seinem Blogbeitrag mit dem Titel „Kununu Fakes – Warum Selbstbewertungen mehr schaden als nützen“ Beispiele zusammengestellt. Schon an dem Stil des Titels einer Bewertung erkennt man seiner Meinung nach, dass der Arbeitgeber selbst tätig war. Stöβt man auf Formulierungen wie „Extrem gute Stimmung“ oder „Imposante Möglichkeiten“, so kann man davon ausgehen, dass die Bewertung von dem Arbeitgeber gefakt ist. Ich möchte noch ein Beispiel hinzufügen: „Gute Chancen für ambitionierte Mitarbeiter“. In diesem Fall passt die Formulierung – ein sehr gestelztes Wording – eher zu einer Recruiting-Broschüre, aber nicht zu einer Arbeitgeberbewertung. Also, erwischt!

Was Fake-Bewertungen über den Arbeitgeber aussagen, ist alles andere als schmeichelhaft. Sie sind nicht nur strategisch falsch, sondern werfen auch ein schlechtes Licht auf das gesamte Unternehmen. Aus PR-Sicht schaden Fake-Bewertungen Image und Reputation in vielerlei Hinsicht. Sie sind Betrug der Unternehmen an den Arbeitnehmern und Arbeitssuchenden und schaden der Glaubwürdigkeit des Arbeitgebers und des Teams hinter den Fakes, denn das Unternehmen vermittelt den Eindruck, dass gerne manipuliert wird. Greifen auch Kommunikationsagenturen zu dieser Maβnahme, um das eigene Image zu verbessern, so unterstreichen sie nur ihre Inkompetenz als Berater*innen und die mangelnde Erfahrung in Sachen Reputationsmanagement. Mit Sicherheit würden sie auch ihren Kunden raten, prompt etwas Nettes auf Online-Arbeitgeberplattformen als Reaktion auf negative Bewertungen zu stellen. Das wäre ein schlechter Rat.

Fake-Arbeitgeberbewertungen erkennt man sehr schnell an diesen

3 besonders auffallenden Fehlern

Meiner Erfahrung nach tendieren Kommunikationsabteilungen oder auch Kommunikationsagenturen, die bescheidene oder gar keine spezifischen und reifen Kompetenzen im Bereich Reputationsmanagement, Social Media, Issue Management aufweisen können, zu kopieren, was andere Unternehmen tun. Man schlieβt sich einfach an, nach dem Motto: Wenn alle etwas tun, kann es nicht falsch sein. Und so kommt es, dass die Fehler der einen von den anderen kopiert und verbreitet werden. Das Ergebnis ist fatal und für humorvolle Leser*innen sehr amüsant.

1. Formulierungen wie aus einer Image-Broschüre oder Recruiting-Texten

Fake-Bewertungen werden verfasst, weil der Arbeitgeber Angst um das eigene Image bekommt und nicht in der Lage ist, Kommunikationsmanagement in Form von Dialog zu betreiben. Die Angst wird durch die eigene Ohnmacht und fehlende Kompetenz ausgelöst. Negative oder wenig schmeichelhafte Bewertungen können mithilfe von vorgefertigten vor Begeisterung strotzenden Texten aus der Wahrnehmung weggefegt werden, so die Überzeugung. Um die Ehre des Chefs zu retten, macht man sich an die Arbeit. Was kommt dabei raus? Formulierungen, die zu Recruiting-Flyern und Image-Broschüren passen, werden aneinandergereiht und die Intelligenz der Nutzer schamlos beleidigt. Einige Beispiele von gestelztem Wording, an dem man erkennt, dass der Arbeitgeber der Verfasser oder Auftraggeber ist:

  • Auch für Bewerber Quereinstieg möglich (das passt zu einem Recruiting–Text; kein Arbeitnehmer würde so formulieren)
  • Unternehmen der Sorte “klein aber fein” (Mittelweg zwischen Werbung und dahin geschriebenem Image-Text. Kein Arbeitnehmer würde so formulieren)
  • Hervorragende Lage mitten in der Stadt (das ist einfach nur idiotisch sogar für eine Fake-Bewertung)
  • Auch in Krisenzeiten ein verlässlicher Partner (Das ist Vertriebler-Jargon. Ich bitte Euch!)

2. Image

Image bezieht sich darauf, wie die verschiedenen Zielgruppen das Unternehmen wahrnehmen. Durch verschiedene Kommunikationsmaβnahmen kann jedes Unternehmen die Einstellung der Zielgruppe beeinflussen. Anders gesagt: Darauf, wie ein Unternehmen wahrgenommen wird, kann erfolgreiche Unternehmenskommunikation Einfluss nehmen.

Bei einer Arbeitgeberbewertung bezieht sich Image darauf, wie der Arbeitnehmer durch den Kontakt mit den Kunden oder mit den verschiedenen Zielgruppen das Image des Unternehmens in der Öffentlichkeit erlebt hat. Stöβt man auf eine Fake-Bewertung, erkennt man, dass der Arbeitgeber seine Finger im Spiel hatte, an Formulierungen wie diese

  • Tradition und Zukunft unter einem Dach (das klingt zu sehr nach Claim, um von einem Arbeitnehmer spontan geschrieben worden zu sein)
  • Einzige Agentur im Verein X, relevante, überregionale Kunden (Das klingt zu sehr nach Referenzen, um authentisch zu sein)
  • Daran arbeiten wir jeden Tag aufs Neue (Wieder ein Claim)
  • Es gibt übrigens gute Psychologen, die den hier jammernden Personen sicher helfen können (Das muss der Feder eines genervten Arbeitgebers entsprungen sein, der keine Kritik verträgt, und ist furchtbar kontraproduktiv, aber lustig. Ich habe mich kaputtgelacht, als ich das entdeckt habe)

3. Vorgesetztenverhalten

Unter Vorgesetztenverhalten findet man bei Fake-Bewertungen entweder gar nichts oder arschkriecherischen Lob. Neulich bin ich darauf gestossen:

  • Einfach nur top
  • Keine Kritikpunkte
  • Sehr vorbildlich
  • Offen, ehrlich, transparent – und bei Kritik immer fair und konstruktiv!

Unternehmen, die sich daran beteiligen, Fake-Arbeitgeberbewertungen – sprich Selbstbewertungen – zu verfassen, büβen an Glaubwürdigkeit ein. Das steht auβer Frage. Schlechte Unternehmenskommunikation bleibt lustig. Auch das steht auβer Frage.

Inzwischen regnet es wieder. Ich wünschte, ich hätte noch meinen durchsichtigen Glockenregenschirm. Mein Vesperbrot ersetzt nach all den Jahren ein Becher Jogurt.

 

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